Mittwoch, 13. Dezember 2017
07. Dezember 2017 um 15:20 Uhr von Von Basil Wegener, dpa

Blickpunkt : Deutsche bekommen fast 20 Jahre Rente

Berlin (dpa) Rentner bekommen ihre Bezüge heute fast doppelt so lange wie 1960. Das kostet Milliarden - und könnte bei Koalitionsverhandlungen für Streit sorgen. Der CDU-Wirtschaftsrat fordert längeres Arbeiten.
In den vergangenen 20 Jahre ist die durchschnittliche Dauer des Rentenbezugs um 3,6 auf 19,6 Jahre gestiegen. Foto: Jens Büttner

In den vergangenen 20 Jahre ist die durchschnittliche Dauer des Rentenbezugs um 3,6 auf 19,6 Jahre gestiegen. Foto: Jens Büttner

Rentner in Deutschland beziehen ihre Altersbezüge immer länger. Innerhalb der vergangenen 20 Jahre stieg die durchschnittliche Dauer des Rentenbezugs um 3,6 auf 19,6 Jahre.

Aus der Union kommt der Ruf nach längerem Arbeiten. Die Rentenversicherung ermahnte die kommende Regierung am Donnerstag, keine neuen Ausgabenprogramme zu Lasten der Rentenkasse aufzulegen.

Das durchschnittliche Alter, bis zu dem die Rente gezahlt wird, lag im vergangenen Jahr bei 79,5 Jahren. Männer haben ihre Rente im Schnitt bis 77,1 Jahre erhalten - Frauen sogar bis 81,8 Jahre.

«Grund für diese Entwicklung ist vor allem, dass die Lebenserwartung in den letzten Jahrzehnten stetig zugenommen hat», sagte der Vorsitzende des Bundesvorstandes der Deutschen Rentenversicherung Bund, Alexander Gunkel, der Deutschen Presse-Agentur in Berlin. 2017 geborene Jungen könnten laut Statistischem Bundesamt im Schnitt bis zu 90 Jahre alt werden - Mädchen bis zu 93 Jahre.

«Die Rentnerinnen und Rentner profitieren erheblich von den längeren Rentenlaufzeiten», sagte Annelie Buntenbach, die dem Bundesvorstand im Wechsel mit Gunkel vorsitzt. Innerhalb der vergangenen Jahrzehnte habe sich die Rentenleistung deshalb insgesamt deutlich erhöht.

Doch die finanziellen Belastungen der Rentenkasse steigen damit auch. Das überschattet die politische Debatte um eine Rentenreform. In den kommenden Jahren gehen zudem immer mehr ältere Arbeitnehmer aus den geburtenstarken Babyboomer-Jahrgängen in den Ruhestand.

Auf einer Bundesvertreterversammlung der Rentenversicherung in Berlin fächerte Gunkel zentrale Entwicklungen auf. Bis 2045 dürfte der Beitragssatz von 18,6 Prozent im kommenden Jahr auf dann 23,2 Prozent steigen - und das Absicherungsniveau der Rente im Vergleich zum Lohn von 48,2 auf 42,2 Prozent sinken. Die Reserve für finanzielle Nachhaltigkeit der Rentenkasse dürfte in wenigen Jahren auf die gesetzlich festgelegte Untergrenze von 0,2 Ausgaben für einen Monat absinken. 2017 beträgt dieses Geldpolster mit 32,9 Milliarden Euro 1,59 Monatsausgaben.

Der CDU-Wirtschaftsrat rief die Union dazu auf, die Bürger in einer neuen großen Koalition auf eine längere Lebensarbeitszeit einzustimmen. «Die Menschen müssen länger arbeiten als jetzt, sonst wird es nicht gehen», sagte Verbandsgeneralsekretär Wolfgang Steiger der «Rheinischen Post» (Donnerstag). Im Jahr 2021 müssten schon über 100 Milliarden Euro Steuermittel für die Rente aufgebracht werden.

Steiger forderte eine Koppelung des Renteneintrittsalters an die Lebenserwartung. Zudem unterstützte er freiwilliges längeres Arbeiten. Nachdem das jüngste Flexirenten-Gesetz nach Einschätzung von Kritikern zu kurz gesprungen war, könnte eine neue Bundesregierung mehr für flexiblere Übergänge in die Rente tun, wird in Unionskreisen spekuliert. Generellem längeren Arbeiten hatte die SPD in ihrem Wahlprogramm eine Absage erteilt: «Keine Anhebung der jetzigen Regelaltersgrenze. Wir werden dafür sorgen, dass die Regelaltersgrenze gesund und leistungsfähig erreicht werden kann.»

Die IG Metall stemmt sich gegen längeres Arbeiten. «Die Gleichung vom Arbeiter im Rentenalter als Retter vor der vermeintlichen demografischen Katastrophe geht nicht auf», sagte Vorstandsmitglied Hans-Jürgen Urban der dpa. Wegen der Belastungen der modernen Arbeitswelt erreichten viele nicht einmal die Regelaltersgrenze.

Gunkel mahnte: «Angesichts der sich abzeichnenden demografischen Herausforderungen kann ich nur dringend empfehlen, die langfristige Entwicklung der Rentenversicherung im Blick zu behalten.» Neue Leistungen, für die keine Beiträge gezahlt wurden, müssten voll aus Steuermitteln bezahlt werden.

Die Präsidentin der Rentenversicherung, Gundula Roßbach, unterstrich, dass die sieben Milliarden Euro, die für die von der CSU geforderte Ausweitung der Mütterrente nötig sei, «keinesfalls den Beitragszahlern aufgebürdet werden dürfen». Um Selbstständige besser abzusichern, favorisierte Roßbach auf der Vertreterversammlung eine Einbeziehung in die gesetzliche Rente.


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