Donnerstag, 17. August 2017
28. Januar 2013 um 17:34 Uhr

Wissen : EU-Spitzenforschung zu Gehirnmodell und Plastikersatz

Brüssel/München (dpa) Ein Computer, der wie das menschliche Gehirn funktioniert und ein hauchdünner Werkstoff, viel fester als Stahl. Diese beiden Wissenschaftlerträume will die EU-Kommission finanzieren helfen. Bundesforschungsministerin Schavan ist erfreut.
EU-Digitalkommissarin Neelie Kroes und der britische Wissenschaftler Jari Kinaret, Leiter des «Graphene»-Projekts, in Brüssel. Foto: Olivier Hoslet

EU-Digitalkommissarin Neelie Kroes und der britische Wissenschaftler Jari Kinaret, Leiter des «Graphene»-Projekts, in Brüssel. Foto: Olivier Hoslet

Die Brüsseler EU-Kommission will zwei Forschungsprojekte mit Finanzspritzen von je 54 Millionen Euro in Schwung bringen. EU-Digitalkommissarin Neelie Kroes verkündete die Entscheidung am Montag. Deutsche Wissenschaftler sind auch dabei.

Das Geld geht an das «Graphene»-Projekt unter Federführung der Chalmers Universität im schwedischen Göteborg und an das «Human Brain»-Projekt unter Leitung der École Polytechnique Fédérale im schweizerischen Lausanne. Die an den Forschungen beteiligten Institute, Universitäten und Firmen sollen ebenfalls je 54 Millionen Euro beisteuern.

Inklusive öffentlicher und privater Gelder hofft die EU-Kommission auf eine Finanzierung von einer Milliarde Euro bis 2020 je Projekt. Obwohl die EU-Staaten den Haushalt für die Jahre 2014 bis 2020 noch nicht beschlossen haben, war Kroes zuversichtlich, dass weiteres Fördergeld aus EU-Töpfen fließen wird. «Ich kann nahezu sicher sein, dass es [der Betrag] ausgefüllt wird.»

Bundesforschungsministerin Annette Schavan (CDU) reagierte erfreut auf die Wahl. «Deutsche Wissenschaftler sind an beiden Projekten beteiligt und leisten einen wichtigen Beitrag in den Konsortien. Das ist ein herausragender Erfolg für die hiesige Spitzenforschung», erklärte Schavan.

Das Human Brain Project habe zum Ziel, das weit verstreute, umfangreiche Wissen über das Gehirn zusammenzuführen, berichtete die Technische Universität München (TUM), die daran beteiligt ist. Auf Supercomputern würden das Gehirn und seine Arbeitsweise Stück für Stück in Modellen und Simulationen rekonstruiert.

Derzeit scheiterten Computersimulationen des Gehirns laut EU-Kommission an mangelnder Rechnerkapazität. Detaillierte Abbildungen des menschlichen Gehirns könnten dann mit Silikon ausgedruckt werden, erläuterte der leitende Wissenschaftler Henry Markram.

Ein Computermensch solle aber nicht entstehen, sagte Makrams Kollege Prof. Alois Knoll vom Lehrstuhl für Echtzeitsysteme und Robotik in Garching bei München: «Es ist sicherlich kein Projekt, bei dem man zum Schluss eine überlegene Kreatur schaffen will, das ist völlig ausgeschlossen.»

Neben dem Institut Fortiss an der TUM sind aus Deutschland auch das Forschungszentrum in Jülich mit seinem Superrechner sowie Heidelberger Physiker an dem Projekt beteiligt. In Jülich geht es nach Angaben Knolls darum, die Leistung zukünftiger Rechner zu verbessern. Die Heidelberger kümmerten sich um die Entwicklung von Schaltkreisen nach biologischem Vorbild.

Von der Förderung des Materials Graphen versprechen sich Politik und Wissenschaftler einen leichten und extrem widerstandsfesten neuen Werkstoff. Es werde wahrscheinlich viele Einsatzmöglichkeiten haben und Silikon sowie andere Materialien ersetzen, erklärte EU-Digitalkommissarin Kroes. «Das kann hier ein "Graphene Valley" in Europa werden», sagte sie in Anspielung auf das kalifornische Technologiezentrum «Silicon Valley». An der Entwicklung des hauchdünnen Materials Graphen arbeite auch die Aachener AMO GmbH mit, erklärte das deutsche Bundesforschungsministerium.

Graphen ist nach Angaben der EU-Kommission bis zu 300 Mal stärker als Stahl und leite Elektrizität sehr gut. Es könne in Zukunft möglicherweise beim Flugzeugbau, in der Telekommunikation oder zur Erzeugung künstlicher Netzhäute genutzt werden.

Die zwei Förderprojekte hat ein Gremium aus 25 Experten ausgewählt. Die EU-Staaten müssen den Beschluss billigen. Nach Angaben eines Kommissionsexperten hält sich die Politik bei der Vergabe von Forschungsgelder aber an solche Entscheidungen.


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