Freitag, 19. Januar 2018
01. Januar 2018 um 11:40 Uhr von Interview: Sandra Walder, dpa

Boulevard : Wiener Neujahrskonzert mit Dirigent Riccardo Muti

Wien (dpa) Auf Abonnement-Karten für die Wiener Philharmoniker müssen Interessierte schon mal zwölf Jahre lang warten. Die Chance auf eine, Platz für das Neujahrskonzert ist fast mit jener auf einen Lotto-Gewinn vergleichbar.
Dirigent Riccardo Muti mit den Wiener Philharmonikern im goldenen Musikvereinssaal in Wien bei der Probe für das Neujahrskonzert. Foto: Ronald Zak

Dirigent Riccardo Muti mit den Wiener Philharmonikern im goldenen Musikvereinssaal in Wien bei der Probe für das Neujahrskonzert. Foto: Ronald Zak

Für viele Menschen auf der ganzen Welt beginnt das neue Jahr mit dem traditionellen «Prosit Neujahr» der Wiener Philharmoniker. Mehr als 50 Millionen Zuseher in 90 Ländern verfolgen das Neujahrskonzert aus dem prächtig geschmückten goldenen Saal des Musikvereins.

Am Neujahrstag wird zum fünften Mal der italienische Dirigent Riccardo Muti (76) am Pult stehen. Für den neuen Vorstand der Philharmoniker, Daniel Froschauer, nimmt das Konzert eine Sonderstellung ein. Künftig will der Geiger mehr Junge und Frauen dirigieren sehen. «Wir brauchen Dirigenten der älteren Generation genauso wie die der jungen Generation», sagte Froschauer der Deutschen Presse-Agentur in Wien.

Frage: Was können wir uns vom kommenden Neujahrskonzert erwarten?

Antwort: Wir spielen relativ viele neue Stücke. Sieben von 19 Stücken werden erstmals beim Neujahrskonzert aufgeführt. Die Familie Strauß, von Vater und den drei Söhnen, steht natürlich im Mittelpunkt.

Frage: Ist die Zeit im Vorfeld der Aufführung mit besonders viel Stress verbunden?

Antwort: Ich würde sagen, der Dezember ist kein Stress-Monat für uns. Das Neujahrskonzert nimmt eine Sonderstellung ein. Wir freuen uns sehr darauf. Aber wir haben für das Konzert mehr Proben als normal. Wir spielen zwei volle Abläufe vor dem tatsächlichen Konzert. Das ist für uns ein gewisses Komfortpolster.

Frage: Sie gehören seit 1998 den Ersten Geigen an, als Vorstand des Orchesters ist das Neujahrskonzert eine Premiere. Ein anderes Gefühl?

Antwort: Ich glaube, mein gesamtes Philharmoniker-Leben ist anders geworden, seitdem ich im Vorstand bin. Es gibt viele Dinge, die ich vorher gespürt, aber nicht gewusst habe. Etwa, wie selbstständig das Orchester tatsächlich ist: Wir bestimmen den Dirigenten für das Neujahrskonzert, wir bestimmen, wann wir wo welches Stück spielen. In der Wiener Staatsoper sind wir angestellt. Das ist ganz anders.

Frage: Wie entscheiden Sie, wer das Neujahrskonzert dirigiert?



Antwort: Wir brauchen Dirigenten der älteren Generation genauso wie die der jungen Generation. Wenn wir uns die Altersstruktur ansehen, liegt sie bei 70 plus. Gustavo Dudamel war mit seinen 35 Jahren beim Neujahrskonzert 2017 die Ausnahme. Wir wollen künftig jungen Dirigenten und Dirigentinnen eine Chance geben, mit uns zu arbeiten und sich dieser großen künstlerischen Aufgabe zu widmen. Dies soll jedoch behutsam erfolgen, da die Herausforderungen außergewöhnlich sind. Wir würden uns zudem freuen, wenn auch einmal eine Dame am Pult steht.

Frage: Wie lange im Vorfeld beginnt die Planung für ein Neujahrskonzert?

Antwort: Wir sind jetzt fast fertig mit dem Konzert 2021. Mit dem Jahr 2022 wird jetzt schon angefangen.

Frage: Sie haben nach Ihrer Vorstandswahl gesagt, dass sich das Orchester rückbesinnen sollte, auf seinen wahren Kern. Was ist denn der wahre Kern der Wiener Philharmoniker?

Antwort: Damit habe ich gemeint, dass wir uns wieder auf unsere Klangkultur konzentrieren sollten. Wir haben sehr viele Projekte in Angriff genommen und vieles versucht. Unsere Kernkompetenz jedoch liegt in der Bewahrung und Tradierung des Klangs.

Frage: Wie sieht denn das Leben der Musiker abseits der Bühne aus?

Antwort: Wissen Sie, wenn wir auf Reisen sind, haben wir anstrengende Tage mit Aufstehen um 5 Uhr früh, verspäteten Flügen, Ankünften im Hotel ohne fertige Zimmer, das ist nicht sehr angenehm. Aber wenn am Abend das Konzert toll ist, ein Dirigent sein ganzes Herz gibt und sich dies auf das Publikum überträgt, dann ist alles wieder gut.

Frage: Wie viel Modernisierung braucht Ihr Orchester 175 Jahre nach der Gründung? Wie schmal ist der Grat zwischen Tradition und Moderne?

Antwort: Zuerst muss ich sagen, Tradition sehen wir sehr positiv. Wir schauen auf eine reichhaltige Geschichte zurück, sind aber trotzdem sehr im Hier und Jetzt verankert und bleiben offen.

Frage: Das Orchester verjüngt sich. Was verändert sich dadurch?

Antwort: Wir wollen auf die Bedürfnisse hören, gerade von den Jungen. Sie sind unsere Zukunft, sie müssen sich wohlfühlen. Menschen wollen heute auch Freizeit einplanen können. Das heißt, dass wir vielleicht einmal ein Konzert auslassen, damit die Kolleginnen und Kollegen mehr Zeit haben, sich zu regenerieren. Durchschnittlich spielen die Philharmoniker 100 Konzerte im Jahr. Wir haben durch unsere Einsätze in der Wiener Staatsoper eine Doppelbelastung, und die müssen wir feintunen.

Frage: Von den 148 Musikern im Orchester sind zwölf Frauen. Sind Sie damit zufrieden?

Antwort: Das ist kein Thema mehr. Wir leben sehr eng miteinander zusammen, wir sind wie eine Familie. Eine ganze Gruppe davon auszuschließen, ist undenkbar für uns. Und die Damen im Orchester werden, wenn sie darauf angesprochen werden, sauer. Wenn eine Stelle frei wird, wird ein Probespiel ausgeschrieben, und da können sich dann Frauen und Männer bewerben, völlig gleichberechtigt. Der oder die Beste bekommt die Stelle. Ich glaube, es ist nur eine Frage der Zeit, bis sich das tatsächlich ausgleicht.

Frage: Um ein Abonnement für das Orchester im Musikverein zu bekommen, müssen Interessierte bis zu zwölf Jahre lang warten.

Antwort: Das ist der gesellschaftliche musikalische Höhepunkt in der Konzertsaison. Es freut uns, dass es für die Abonnementkonzerte eine so starke Nachfrage gibt. Die Einstellung unserer Musiker, etwas Besonderes zu machen und das Beste zu geben, prägt unsere Konzerte ? dies spürt und schätzt auch unser Publikum. Das wollen viele Leute erleben. Ich weiß ja auch selbst, wo wer im Zuschauerraum sitzt. Das ist nicht nur ein Publikum, das ist wie eine Familie.

ZUR PERSON: Daniel Froschauer, dessen Vater bereits bekannter Chorleiter der Wiener Staatsoper war, begann seine musikalische Laufbahn als Wiener Sängerknabe. Früh lernte er Geige zu spielen. Ab 1995 gehörte er dem Orchester der Wiener Staatsoper an, 1998 folgte der Eintritt bei den Wiener Philharmonikern. Seit 2004 ist er Stimmführer. Im September folgte er als Vorstand auf Andreas Großbauer, der nach drei Jahren nicht wiedergewählt wurde.


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