Mittwoch, 17. Januar 2018
03. Januar 2018 um 10:50 Uhr von Von Lena Klimkeit, dpa

Boulevard : Auf den Spuren von Elena Ferrante in Neapel

Elena Ferrante bleibt auch in Neapel eine Unbekannte. Der gehypten italienischen Schriftstellerin kommt man im Viertel Luzzatti aber näher - und sieht, was von den Träumen der Figuren ihrer Bestseller übrig geblieben ist.
Der Fotograf Ottavio Sellitti auf einer Dachterrasse im Rione Luzzatti in Neapel. Foto: Lena Klimkeit

Der Fotograf Ottavio Sellitti auf einer Dachterrasse im Rione Luzzatti in Neapel. Foto: Lena Klimkeit

Neapel (dpa) - Es ist genauso schmucklos, wie Elena Ferrante schreibt. Kabel hängen von den Satellitenschüsseln. Die grauen Fassaden der Häuser sehen aus, als hätte jemand keine Lust mehr gehabt, sie zu verputzen. 

Höher als die unzähligen Antennen auf den Dächern sind nur der Vesuv auf der einen Seite und die Wolkenkratzer auf der anderen. Kenner sind sich einig, dass Ferrante beim Verfassen ihres internationalen Bestsellers «Meine geniale Freundin» und den Nachfolgebänden den Stadtteil Luzzatti im Sinn hatte. Die Neapel-Saga machten Ferrante zum Weltstar - bis heute ist unklar, wer hinter dem Pseudonym steckt.

Wer Ferrante ist, weiß auch Ottavio Sellitti nicht. Der 29-Jährige ist in dem Viertel geboren, das Ferrante in ihren Büchern lediglich «Rione» - Stadtteil - nennt. Dort wachsen die Mädchen Elena und Lila in den fünfziger Jahren auf, gehen zur Schule, erleben Konflikte und Gewalt zwischen den verschiedenen Familien. Die eine lässt das Viertel nach der Schule hinter sich und kehrt nur für Besuche zurück. Die andere muss ihrem Vater schon als Kind in der Schusterwerkstatt helfen, macht ein Ehe-Drama durch und zerreißt sich zwischen Arbeit und Familie.

Die Romane, von denen der vierte und letzte Band im Februar 2018 auf Deutsch erscheinen soll, bewegten den Fotografen und Literaturwissenschaftler Sellitti dazu, sich stärker mit seiner Heimat auseinanderzusetzen. 2016 fotografierte er den Stadtteil - zu sehen sind seine Bilder im Italienischen Kulturinstitut in Berlin, wo der Italiener mittlerweile wohnt. 

Die Fotos geben einen Einblick in die Vorstellungswelt der großen Unbekannten, von der einige glauben und darüber spekulieren, dass sie in Wirklichkeit die italienische Übersetzerin Anita Raja sein könnte. Da ist der Stradone, eine 1,5 Kilometer lange - einst von Bäumen gesäumte - Straße, die den Hauptbahnhof mit dem Stadtteil verbindet. Es gibt Fabriken und Märkte, die mittlerweile leer stehen. «?Viele Dinge sind aber immer noch so, wie sie früher waren»?, sagt Sellitti. Die Öffnungen der Tunnel sind so dunkel, wie Ferrante sie beschreibt. «Die niedrigen grauen Häuser» gibt es auch - genau wie die Bibliothek, die sich Ferrante mutmaßlich vorgestellt hat und in der die wissbegierige Lila Bücher ausleiht. 

Sellittis Großmutter Concetta lebt noch immer im Rione. In ihrer Wohnung stellt sie Kaffee und Sfogliatelli, typisches Gebäck aus Neapel, auf den Tisch. Sie hatte - wie die Romanfigur Lila - den Sohn des Besitzers einer Salumeria, eines Geschäfts für Wurstwaren, geheiratet. Wenn sie über das Viertel spricht, hört man die Ernüchterung, die auch in Ferrantes Zeilen mitschwingt. «?Nach dem Krieg war es hier so sauber. Die Straßen im Viertel waren nicht voll mit Autos wie heute», sagt sie. «Früher sehnten sich die Menschen hier nach Wohlstand. Nun leben wir im Wohlstand, aber nicht mehr so gut wie früher.» Viel ist im Rione von den Träumen aus der Zeit des Wirtschaftswunders nicht übrig geblieben.

Von der Dachterrasse der Sellittis sind die Wolkenkratzer aus Glas gut zu sehen, die Ferrante möglicherweise meinte, als sie schrieb, diese seien einst das «Sinnbild einer strahlenden Zukunft» gewesen. Auch wenn es in Neapel nicht für jeden Ort in Ferrantes Romanen ein Äquivalent in der Wirklichkeit gibt: Wer die Romane gelesen hat, findet dort viele Spuren von Ferrante.

Die «?New York Times»? schrieb einmal, die Bücher seien eine Art Touristenführer, der abseits der Sehenswürdigkeiten von Neapel helfe, die sozialen, wirtschaftlichen und geografischen Trennlinien der Stadt nachzuvollziehen. Das haben auch private Stadtführer und einige Hotels erkannt, die Führungen à la Ferrante anbieten - vom Rione Luzzatti bis zu Schauplätzen wie der Piazza Garibaldi.

Ferrantes Romane seien noch viel mehr als eine Neapel-Saga, sagt Sellitti. Das von Gewalt, Konflikten und Rivalitäten geprägte Leben im Rione, aber auch die Hoffnungen von Elena und Lila stünden exemplarisch für das Leben in anderen Peripherien der Welt. «Die Geschichte kann überall spielen», sagt er. «Sie kann meine oder deine sein. An den Peripherien von Paris oder Berlin existieren die gleichen Beziehungen und Widersprüche wie hier.»


Das könnte Sie auch interessieren
Kate, die Herzogin von Cambridge, bei ihrer Ankunft in Coventry. Foto: Aaron Chown

:Schwangere Herzogin Kate im rosa Mantel

Coventry (dpa) Wird das royale Baby ein Mädchen? Die Spekulationen um Prinzessin Kates Schwangerschaft nehmen zu. mehr...

Dolores O'Riordan 2010 bei einem KOnzert in Berlin. O'Riordan starb im Alter von 46 Jahren in London. Foto: Britta Pedersen

:Trauer um Cranberries-Sängerin Dolores O'Riordan

London/Dublin (dpa) Die Polizei geht beim plötzlichen Tod der 46-jährigen irischen Sängerin Dolores O'Riordan nicht von einem Verbrechen aus. Derweil trauen Fans, Kollegen und Politiker um das Ausnahmetalent. mehr...

Arm in Arm: Die Schauspielerinnen Anne-Sophie Briest (l) und Susanne Bormann kommen zur Show von Dawid Tomaszewski an. Foto: Jens Kalaene

:Berliner Modewoche startet mit grünen Männern

Berlin (dpa) Grasgrüne Hosen oder wieder alles voller Logos: Was wird im Herbst in den Läden hängen? Die Modewoche in Berlin gibt einen Vorgeschmack. Das Fachpublikum tummelt sich am Laufsteg und auf den Messen. Manche Turnschuhfans haben anderes im Kopf. mehr...

Vincent van Gogh, Der Hügel von Montmartre mit Steinbruch, März 1886. Foto: Van Gogh Museum

:Neue Zeichnungen von Vincent van Gogh entdeckt

Amsterdam (dpa) Rund 900 Zeichnungen sind von Vincent van Gogh bekannt. Jetzt sind zwei Arbeiten endgültig dem Oeuvre zugefügt worden. mehr...

Das Warten auf die Einschaltquoten geht weiter. Foto: Monika Skolimowska

:Quotenpause für das Erste «misslich»

Berlin (dpa) Der Quotenausfall treibt noch nicht allen TV-Sendern den Schweiß auf die Stirn. Das Erste ärgert sich jedoch wegen der Handball-EM. mehr...

Mediathek

Dreischers Wetter: Stürmisch und ungemütlich

Anzeige
 

Lade TED
Ted wird geladen, bitte warten...
Service
Michael MacCauley (Liam Neeson) begegnet im Zug der äußerst rätselhaften Joanna (Vera Farmiga). Foto: StudioCanalanhören

Film der Woche:The Commuter

Seit Donnerstag läuft unter anderem der Film "The Commuter". In dem Thriller spielt Liam Nesson einen Versicherungsvertreter, der in eine kriminelle Verschwörung verstrickt wird. mehr...

28. ADAC Supercross Dortmund 2010 (2011-01-06): Pressekonferenz im Vorfeld Veranstaltung 2011: Brock Sellards (#17 Honda-Meyer-Racing-Team). Foto: Jan Bruckeanhören

Endlich Wochenende!:Was ist los in Dortmund?

Supercross in der Westfalenhalle, ein letztes Mal Winterleuchten im Westfalenpark, Comedy, Kabarett und mehr... mehr...

anhören

Food Trends:Das vietnamesische Wundermittel

Hat ein Star-Koch eigentlich auch ein Lieblingsgericht? In dieser Woche hat uns Heiko Antoniewicz in den Food Trends verraten, warum es ihm die vietnamesische Pho Nudelsuppe so angetan hat. mehr...

Tickets
Facebook