Donnerstag, 18. Januar 2018
03. Januar 2018 um 14:00 Uhr von Von Anna Tomforde, dpa

Boulevard : Hartwig Fischer will in London Brückenbauer sein

London (dpa) Vernetzung der Kulturen, Brücken bauen und Gemeinsamkeiten in der «Identität der Menschheit» suchen - das sind Schlagworte, die Hartwig Fischer in die Museumsdebatte in Großbritannien eingebracht hat. Der deutsche Direktor des British Museum hat einen Masterplan.
Hartwig Fischer ist seit 2016 Direktor des British Museum. Foto: Arno Burgi

Hartwig Fischer ist seit 2016 Direktor des British Museum. Foto: Arno Burgi

Schulklassen, die eifrig antike Münzen zählen oder in einer stillen Ecke ihre Eindrücke von ägyptischen Mumien oder assyrischen Kriegern zu Papier bringen, gehören zum British Museum wie das Inventar.

Sie und andere Gäste liefern täglich den Beweis für die Statistiken, die das Museum in London mit jährlich nahezu sieben Millionen Besuchern auf der Beliebtheitsskala weltweit an zweiter Stelle hinter dem Pariser Louvre einordnen. 

Seit April 2016 wird das Haus von dem deutschen Kunsthistoriker Hartwig Fischer geführt, der als Direktor die Leitung von Neil MacGregor übernahm. Fischer, der erste Deutsche an der Spitze des 1753 gegründeten Museums, kam mit einem Masterplan für die Umgestaltung der altehrwürdigen Institution an die Themse.

«Mir geht es darum, die Präsentation unserer ständigen Sammlung neu zu überdenken, so dass wir dem Besucher Geschichten erzählen, die von der tiefen Vernetzung weltweiter Kulturen zeugen», sagte Fischer der Deutschen Presse-Agentur in London. Gerade in der heutigen Zeit sei es wichtiger denn je, den Besucher mit einer klaren Erzähltechnik in die Lage zu versetzen, Kulturen zu vergleichen. Ziel müsse es sein, eine «Brücke zwischen den Kulturen zu bauen» und über Trennendes hinaus Gemeinsamkeiten zu entdecken. Dazu müssten hier und dort «Gleichgewichte wiederhergestellt werden», sagte Fischer. «Das ist natürlich ein langfristiges Projekt.» Mindestens zehn Jahre hat er angepeilt, um die Sammlung «kohärenter und fesselnder» zu gestalten.

Der Prozess, in dem der Besucher auf eine «Entdeckungsreise durch die Kulturen und unsere gemeinsame Menschheit» geschickt wird, hat begonnen: Im November wurde von Königin Elizabeth die für rund zwei Millionen Pfund (2,26 Millionen Euro) runderneuerte orientalische Galerie wiedereröffnet. Die nach dem chinesischen Industriellen und Kunstmäzen Joseph Hotung benannte Galerie enthält Kunstschätze aus China und Südasien.

Ihr Highlight, die riesigen Steinskulpturen des buddhistischen Amaravati-Schreins, sind erstmals in voller Pracht, in hellem Licht und aus nächster Nähe zu betrachten. Hotungs angebliche Klage, die Schätze früher buddhistischer Kunst seien «nur mit der Taschenlampe» zu erkennen, ist überholt. Die «dramatische» Präsentation der Statuen in einem aufgeräumten Umfeld bedeute einen großen Fortschritt für das Museum, hieß es in der Abteilung.

Nach demselben Muster der gestrafften und entrümpelten Präsentation sollen die Islamischen Galerien und die Japanische Sammlung neu gestaltet werden. Die traditionell guten Außenbeziehungen des Museums sowie die Unterstützung von tatkräftigen Sponsoren helfen bei dieser Aufgabe enorm. «Das Museum ist eine Institution von Weltrang, die auf langjährige inhaltsvolle Beziehungen und partnerschaftliche Zusammenarbeit mit internationalen Organisationen und Kollegen in aller Welt bauen kann», sagt Fischer. Daran, so fügte er hinzu, werde sich auch mit dem geplanten Austritt Großbritanniens aus der EU nichts ändern: «Was immer das Ergebnis des Brexit sein wird, diese Zusammenarbeit wird und muss weitergehen.»

Einen Ausgleich gilt es, so Fischer, noch für den Mangel zu finden, dass gegenwärtig noch weite Teile der Welt unterrepräsentiert sind. Dazu gehören Afrika, Ozeanien, Australien und Südamerika.«Wir haben bedeutsame Sammlungen aus diesen Regionen, aber wir müssen sie zugänglicher machen, um diesen Kulturen gerecht zu werden.» Im Rahmen des Masterplans sei zu überlegen, wie diese Schätze zur Geltung kommen können.

Und die kontrovers diskutierte Frage der von Griechenland zurückgeforderten «Elgin Marbles» - den Marmorskulpturen aus dem Parthenon-Fries der Akropolis? Fischer sagt, er halte daran fest, dass die Stücke im British Museum bleiben. Kopfzerbrechen bereitet auch ein anders Dauerthema: Die künftige Nutzung des kreisförmigen Reading Rooms (Lesesaals), der erhaben über dem großen überdachten Innenhof des Museums thront.

Ehemals Arbeitsplatz für literarische und geschichtliche Größen von George Bernard Shaw bis Karl Marx, ist der Raum seit der Auslagerung der Bücherei in die British Library vor rund 20 Jahren weitgehend verwaist. Das British Museum nutzt Teile des Lesesaals als Ausstellungsfläche. Nach dem Wunsch Fischers soll das Rondell «wieder zum Herzstück» des Museums werden. «Der Lesesaal muss wieder mit Leben erfüllt werden», sagt er. Aber es sei ein komplexer Raum, der eine integrierte Planung verlange. «Es sollte ein Ort sein, an dem die Essenz des Museums unmittelbar deutlich wird»,so Fischer.

ZUR PERSON: Hartwig Fischer übernahm im April 2016 die Leitung des British Museum. Er löste Neil MacGregor ab, der Gründungsintendant des Humboldtforums in Berlin wurde. Fischer war zwischen 2012 und 2016 Generaldirektor der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden und leitete zuvor das Museum Folkwang in Essen. Der Kunsthistoriker, der schnell zu einem der wichtigsten Museumschefs in Deutschland aufstieg, wurde am 14. Dezember 1962 in Hamburg geboren.     


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