Dienstag, 22. Mai 2018
16. Mai 2018 um 10:05 Uhr von Von Werner Herpell, dpa

Musik-News : Plenty, Okkervil River und Josh Rouse im 80er-Sound

Berlin (dpa) Die 80er waren nicht gerade arm an musikalischen Peinlichkeiten. Für die Vertreter des damaligen «Sophisticated Pop» gilt diese Schelte nicht. Deren Musik dient nun Bands wie Plenty oder Okkervil River und dem Singer-Songwriter Josh Rouse als Vorbild.
Edle Soundgemälde von Plenty. Foto: Karisma Records

Edle Soundgemälde von Plenty. Foto: Karisma Records

Die Eighties haben für viele Musikfans nicht den besten Ruf. Aber es gab natürlich tolle Popmusiker damals, deren Sound heute wieder oft und gerne nachempfunden wird. Drei unterschiedlich erfolgreiche Beispiele aus dem großen Stapel der jüngsten Veröffentlichungen.

PLENTY, das Projekt des Artpop-Sängers und Steven-Wilson-Kumpels Tim Bowness (No-Man), beruft sich ganz offen auf seine Vorbilder aus den mittleren bis späten 80er: «distinctively echoing then contemporary artists such as The Blue Nile and Prefab Sprout - alongside the iconic likes of David Bowie an Peter Gabriel», heißt es in den Infos zum Album «It Could Be Home» (Karisma/Soulfood).

Die erstgenannten Bands gehörten zur Kategorie «Sophisticated Pop» - also zu einem Stil, der sich mit dem Streben nach Verfeinerung, Erhabenheit und Raffinesse an ein anspruchsvolles Publikum richtete. Als «Edel-Pop» wird diese Musik heute bisweilen bezeichnet.

Und edel klingen auch die Soundgemälde des Briten Bowness alias Plenty. Die neun eigenen Lieder - neben einer Coverversion von Marianne Faithfulls Sixties-Hit «As Tears Go By» - entstammen eigentlich den 80ern, wurden aber erst zwischen Frühjahr 2016 und Sommer 2017 neu aufgenommen. Tim Bowness, Brian Hulse und David K Jones bleiben dabei ihrer ursprünglichen Idee von allerfeinstem, gewissermaßen in Pastellfarben hingetupftem 80er-Pop treu.

Besonders der träumerische Synthie-Sound von The Blue Nile erlebt eine wundersame Auferstehung in «Broken Nights» oder «Strange Gods». Die an Paddy McAloon von Prefab Sprout erinnernde, hauchzart melancholische Lead-Stimme (etwa in «Foolish Waking» oder «The Good Man») verstärkt das Gefühl einer Zeitreise in die angenehmsten Klang-Landschaften dieser umstrittenen Pop-Dekade.

OKKERVIL RIVER, die stilistisch kaum festlegbare Band um den Singer-Songwriter Will Sheff, überrascht auf ihrem neuen Album ebenfalls mit einem Rückgriff auf den opulenten «Sophisto-Pop» der 80er. «In The Rainbow Rain» (ATO/Pias) ist damit ein erneuter Kurswechsel nach den Folkrock-Meisterstücken «Black Sheep Boy» (2005), «The Stage Names» (2007) und «The Stand Ins» (2008) sowie experimentelleren Artpop-Werken wie «The Silver Gymnasium» (2013) oder «Away» (2016).

Besonders in Balladen wie «Family Song», dem von einer Drum-Machine angetriebenen, mit herrlichem Gitarrensolo gekrönten «Shelter Song» und dem Closer «Human Being Song» hört man die offenkundig beabsichtigte Nähe zu Prefab Sprout, Tears For Fears und Peter Gabriel. «How It Is» gerät mit seiner arg simplen «Ohhoho»-Hookline und dem seifigen Saxofon zum negativen Ausreißer.

Ansonsten aber wird der mit massenhaft Keyboards angereicherte Pop der mittleren bis späten Eighties sehr gelungen nachgebaut. Die stets etwas weinerliche Sheff-Stimme passt gut zu den opulenten Arrangements, die weiblichen Background-Vocals geben dem Klangbild eine Soul-Färbung, die man vorher bei Okkervil River noch nicht kannte. Auch die neue Inkarnation der personell oft durchgeschüttelten Band aus Texas hat also ihre Qualitäten.

JOSH ROUSE, der mit seiner Familie seit Jahren in Spanien lebende US-Songwriter, wollte «mal etwas Anderes ausprobieren», «neue Sounds erforschen» - und macht es seinem Stammpublikum damit schwer. Denn «Love In The Modern Age» (Yep Roc/H'Art) ist nach wunderbaren Folkpop-Werken wie «Nashville» (2006), «The Happiness Waltz» (2013) oder «The Embers Of Time» (2015) eine Enttäuschung - erst recht, wenn sich Rouse auf Platten des Leonard Cohen der 80er, auf The Blue Nile und abermals Prefab Sprout (wohl für den Titelsong) beruft.

Rouse hatte schon mit dem starken «1972» (2003) eine musikalische Ära nachempfunden, damals den lässigen, sonnigen Westcoast-Pop der frühen 70er. Mit der nächsten Dekade gelingt ihm das weniger gut. Zu bieder und zu billig klingen die Keyboard-Spielereien auf eigentlich soliden Liedern wie «Ordinary People, Ordinary Lives», «Businessman» oder dem angejazzten «Hugs And Kisses», die in einem klassischen Folk-Gewand wohl besser abgeschnitten hätten.

Auch Autotune-Experimente für seine schöne Stimme sollte der 45-Jährige lieber lassen. So ist «Love In The Modern Age» - zudem noch mit einem fürchterlichen Albumcover-Artwork gesegnet - leider keine Werbung für weitere Retro-Projekte dieses bisher so konstant guten Singer-Songwriters.


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