Donnerstag, 18. Januar 2018
15. Januar 2018 um 12:25 Uhr von Von Johannes Schmitt-Tegge, dpa

CD-Kritik : Eminem mit erstem Album seit vier Jahren

New York (dpa) Auch Rapper werden irgendwann erwachsen. Dass Eminem sein neues Album «Revival» mit Hilfe von Beyoncé und Ed Sheeran im Pop tränkt, dürfte einige Fans enttäuschen. Ein Verbalgenie bleibt er trotzdem.
«Revival» heißt das neue Album von Eminem. Foto: Sebastian Silva

«Revival» heißt das neue Album von Eminem. Foto: Sebastian Silva

Als im Oktober ein Video aus Detroit auftauchte, in dem ein paar gefährlich aussehende Jungs den Freestyle eines weißen Rappers im Parkhaus verfolgen, konnte man meinen, der alte Eminem sei zurück.

In Kapuzenpulli und Baseballcap lieferte der Mann einen vierminütigen, wortgewaltigen Wutausbruch ab, der an Eminems beste Tage um die Jahrtausendwende erinnerte. So mancher Fan durfte gehofft haben, dass auch sein neues Album «Revival» an den Glanz alter Tage anknüpfen würde.

Leider weit gefehlt. Auf seinem ersten Studioalbum seit vier Jahren taucht der bürgerlich als Marshall Mathers bekannte Musiker ein in das Reich des Pop und holt den dreckigen Rap aus «8 Mile»-Tagen ans publikumsfreundliche Tageslicht. Über Strecken der 19 Titel fühlt man sich akustisch eher an einen weihnachtlichen Einkaufsbummel im Shopping-Center versetzt als in einen illegalen Battle in einem leerstehenden Lagerhaus. Das Diss-Gewitter von einst ist Textpassagen gewichen, in denen ein Künstler mit seiner Vergangenheit aufräumt.

Ausgerechnet Superstar Beyoncé lässt Eminem auf «Revival» die ersten Takte singen - die ernsten Klavierakkorde auf «Walk On Water», zu denen Eminem sich als verletzlicher, nachdenklicher Mittvierziger zeigt, wären noch auf «Relapse» (2009) oder «The Marshall Mathers LP 2» (2013) kaum denkbar gewesen. Dass neben Beyoncé auch Alicia Keys, Pink, Ed Sheeran und Skylar Grey ans Mikro gelassen werden, sagt viel aus über die musikalische Gemütslage des bestverdienenden Rappers der Welt. Die Titel «River», «Like Home», «Tragic Endings» und «Need Me», die mit diesen Sängern entstanden, dürfte so mancher Fan vom «alten» Eminem mit einem Augenrollen überspringen.

Das alles heißt nicht, dass Mister Mathers an verbaler Genialität eingebüßt hätte. Im Gegenteil: In «Offended» feuert Eminem über 13 Sekunden Phrasen-Salven in Höchstgeschwindigkeit ab, die der «Rolling Stone» als rekordverdächtig einstuft. Selbst über die eher weichgespülten Samples der Platte beweist er, dass er auch mit 45 Jahren kluge, doppeldeutige und überaus witzige Texte schreiben und in hohem Tempo einrappen kann. Eminem bleibt ein Meister des «Enjambment», also des Zeilen- und Verssprungs, und der Fähigkeit, Wörter in einen Reim zu gießen, die sich eigentlich gar nicht reimen.

Diese rhetorischen Mundfeuerwaffen sind es dann auch, mit denen Eminem frontal auf US-Präsident Donald Trump und dessen Familie zielt. «Dieser Trottel schläft kaum / Er guckt nur «Fox News» wie ein Papagei und wiederholt es / Während er aussieht wie ein Kanarienvogel mit einem Schnabel», rappt Eminem. In «Framed» liefert er auch gleich Tipps, um mit einem Mord davonzukommen und greift eine Erzählung von vor fast 20 Jahren auf, als er die Leiche seiner Ex-Frau Kim Mathers im Titel «97 Bonnie & Clyde» in einen See wirft - nur, dass diesmal die Tochter des US-Präsidenten dran glauben muss: «Dog, warum verdammt ist Ivanka Trump im Kofferraum meines Autos?»

Seine bis dato politischste Botschaft ruft er allerdings im rockigen, von Gitarren-Samples befeuerten «Untouchable» in die Welt. Die Schwarzen-Bewegung Black Lives Matter, Polizeigewalt, der Streit um kniende Footballspieler und die Nationalhymne - es sind die großen Fragen rund um Rassismus und Diskriminierung in den USA, die hier durchdekliniert werden. «Afroamerikaner sind im Lauf der Geschichte wie Scheiße behandelt worden / Und es gab zugegebenermaßen Zeiten, in denen es peinlich war, ein weißer Junge zu sein», rappt er. Das Albumcover zeigt ihn verzweifelt hinter amerikanischer Flagge.

Auch Rapper werden irgendwann erwachsen. Marshall Bruce Mathers III beweist das mit der Reihe von Abschiedsbriefen, die er an seine Tochter Hailie im vorletzten Titel «Castle» dichtet. Als diese mit seiner fast tödlichen Methadon-Überdosis im Jahr 2007 zu enden drohen, rafft er sich auf, spult das Band in «Arose» doch noch einmal zurück und spült das Schmerzmittel im Klo herunter. Vor allem hier, ganz zum Schluss und leider spät, läuft Eminem zu alter Hochform auf.

«Ich bringe dieses letzte Album raus, dann bin ich fertig damit / Hundert Prozent fertig, ich habe es leid», hätten die letzten Zeilen auf «Revival» sein können. Doch mit seiner unverkennbaren Reimtechnik getränkt in Pop und ein paar Knaller-Titeln nach alter Manier ist Eminem dem Teufel noch einmal von der Schippe gesprungen.


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