Sonntag, 15. Juli 2018
11. Juli 2018 um 23:45 Uhr von Von Ulrike John, Jens Marx, Florian Lütticke und Thomas Eßer, dpa

Top-Themen : Kroatien dank Mandzukic im WM-Finale - «Traum geht weiter»

Moskau (dpa) Ein Schritt noch bis zum ganz großen Triumph. Kroatien schlägt England, trifft im WM-Finale auf Frankreich und will am Sonntag in Moskau zum ersten Mal den Goldpokal holen. Die Entscheidung im Halbfinale fällt erst in der 109. Minute.
Die Kroaten stehen dank Siegtorschütze Mario Mandzukic (M.) erstmals im WM-Finale. Foto: Frank Augstein/AP

Die Kroaten stehen dank Siegtorschütze Mario Mandzukic (M.) erstmals im WM-Finale. Foto: Frank Augstein/AP

Siegtorschütze Mario Mandzukic trug Kapitän Luka Modric jubelnd über den Platz, Verteidiger Sime Vrsaljko schleuderte seinen Trainer Dalic vor lauter Freude zu Boden - und die Engländer saßen tief enttäuscht auf dem Rasen.

Dank des späten Tores von Mandzukic greift Kroatien erstmals nach dem WM-Pokal und hat dem Mutterland des Fußballs eine ganz bittere Halbfinal-Niederlage zugefügt. Der frühere Münchner traf in der 109. Minute für den WM-Dritten von 1998, der sich mit 2:1 (1:1, 0:1) nach Verlängerung gegen England durchsetzte. Im Endspiel am Sonntag wartet nun der 98er-Weltmeister Frankreich. «Unser Traum geht weiter», sagte Ex-Bundesliga-Profi und Kroatiens Co-Trainer Ivica Olic. «Wir haben noch einen Schritt, dass unser Traum zum Ende kommt.»

Für das Team von Gareth Southgate erfüllte sich der sehnliche Wunsch vom Endspiel 52 Jahre nach dem Triumph von Wembley gegen Deutschland dagegen nicht. «Das tut verdammt weh», sagte WM-Toptorschütze Harry Kane. «Wir haben uns so reingehängt, wir haben so hart gearbeitet.» Southgate kommentierte die Momente nach Abpfiff so: «Es war sehr schwer, irgendetwas zu sagen, dass sich die Spieler besser gefühlt hätten.»

Vor 78.011 Zuschauern im Luschniki-Stadion in Moskau brachte Kieran Trippier (5.) England am Mittwoch per Freistoß in Führung, Ivan Perisic (68.) glich für die Mannschaft von Trainer Zlatko Dalic aus und leitete damit die Wende ein. «Ich muss den Burschen gratulieren und sagen: Die sind nicht normal», sagte Dalic. «Irre, wie sie gespielt haben, wie sie gerannt sind, wie sie gekämpft haben. Das ist für die Geschichte.»

In den ersten Minuten des Spiels wird seine Laune deutlich schlechter gewesen sein: England erwischte einen Traumstart, und wie so oft bei dieser WM ebnete eine Standardsituation den Weg zum Glück. Luka Modric hatte Dele Alli gut 20 Meter vor dem Tor in zentraler Position gefoult, und Trippier nutzte das eiskalt. Der Außenbahnspieler schlenzte den Freistoß rechts oben ins Eck, Kroatiens zuletzt so starker Keeper Danijel Subasic schaute nur hinterher. Es war Englands zwölftes Tor beim Turnier in Russland - das neunte nach einem ruhenden Ball.

Die frühe Führung gab den Three Lions zusätzliche Sicherheit. Nach einer Ecke hatte Verteidiger Harry Maguire die nächste Chance, köpfte jedoch neben das Tor (14.).

Bei den Kroaten lief nicht viel zusammen. Das Aufbauspiel war langsam, die Pässe kamen häufig ungenau. Ein Distanzschuss des früheren Dortmunders und Wolfsburgers Perisic, der sein Ziel um einen halben Meter verfehlte, war alles, was das Team von Trainer Dalic in der Anfangsphase zu bieten hatte (19.). Spielmacher Modric tat sich gegen Bewacher Alli schwer.

Die englischen Offensivspieler machten es besser. Immer wieder hängten sie ihre Gegenspieler ab und hätten sich nach einer halben Stunde fast mit dem zweiten Treffer belohnt. Alli steckte super durch auf Kane, doch der Angreifer scheiterte zunächst freistehend an Subasic und dann am Pfosten. Zwar pfiff der türkische Schiedsrichter Cüneyt Cakir anschließend Abseits, hätte seine Entscheidung bei einem Tor mit Hilfe des Videoassistenten jedoch wohl zurückgenommen.

Kroatien bekam keinen Zugriff, in den entscheidenden Situationen war die Mannschaft von Southgate zunächst immer einen Tick schneller. Jesse Lingard verzog aus aussichtsreicher Position (36.) - England hätte zur Pause auch schon 2:0 oder 3:0 führen können.

Nach dem Seitenwechsel probierte Kroatien mehr und näherte sich dem englischen Tor an. Keeper Jordan Pickford bekam aber weiterhin erstmal nicht viel zu tun. Das letzte Zuspiel der Kroaten kam noch nicht an, einen strammen Perisic-Schuss blockte Kyle Walker in höchster Not ab (65.). Drei Minuten später ließ sich der Verteidiger überraschen: Vrsaljko flankte ins Zentrum, von hinten stürmte Perisic heran und bugsierte den hohen Ball vor Walker ins Tor.

Plötzlich war Kroatien hellwach, England verunsichert. Perisic hatte das 2:1 auf dem Fuß, traf jedoch nur den Pfosten. Mandzukic scheiterte an Pickford (83.). Für England hatte Lingard bei einem der nun immer selteneren Angriffe zuvor nicht genau genug (77.) gezielt.

So musste Kroatien zum dritten Mal nacheinander in die Verlängerung. Vrsaljko rettete nach einem Kopfball des englischen Abwehrspielers John Stones für seinen schon geschlagenen Torwart (99.), auf der Gegenseite war Pickford gegen Mandzukic zur Stelle (105.+2). Wenig später war der Keeper dann machtlos, nachdem Perisic auf Mandzukic vorgelegt hatte und der 32-Jährige zum frenetisch bejubelten Sieg traf.

Alleine in Zagreb feierten schätzungsweise 100 000 Fans ausgelassen auf den Straßen. 20 Jahre nach der Halbfinal-Niederlage gegen Frankreich hat Kroatien im Endspiel nun die Chance zur großen Revanche.


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