Samstag, 19. Januar 2019
06. Dezember 2018 um 16:25 Uhr von Von Birgit Sander, dpa

Wissen : Löwenzahn im Autoreifen: Alternative zu tropischem Kautschuk

Anklam (dpa) Die Firma Continental will einheimischen Naturkautschuk gewinnen und in ihren Autoreifen verarbeiten. Noch steckt die Technologie, Kautschuk aus Löwenzahnwurzeln zu extrahieren, in den Kinderschuhen. Doch in Anklam entsteht ein Versuchslabor.
Der Reifenhersteller Continental erforscht in Anklam den russischen Löwenzahn zur Gewinnung von Naturkautschuk für die Reifenherstellung. Foto: Stefan Sauer/Illustration

Der Reifenhersteller Continental erforscht in Anklam den russischen Löwenzahn zur Gewinnung von Naturkautschuk für die Reifenherstellung. Foto: Stefan Sauer/Illustration

Die weiße Pflanzenmilch im Löwenzahn klebt: Sie enthält Kautschuk. Der Reifenhersteller Continental will sich dies zunutze machen und künftig Kautschuk für Autoreifen aus Löwenzahnwurzeln statt ausschließlich aus tropischen Kautschukbäumen gewinnen.

Versuche dazu gab es schon in den 1930er Jahren unter anderem in der Sowjetunion sowie während und nach dem Zweiten Weltkrieg. Doch es haperte an geeigneten Pflanzen und einer vernünftigen Extraktionstechnik, wie Professor Dirk Prüfer von der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster sagt. Er ist Leiter eines Teams, das gemeinsam mit dem Reifenproduzenten nach Möglichkeiten suchte, den Kautschuk aus Löwenzahnwurzeln zu extrahieren. Am Donnerstag eröffnete Continental im mecklenburg-vorpommerschen Anklam ein Forschungs- und Versuchslabor zur Kautschukgewinnung. Naturkautschuk ist heute noch für Lkw-Reifen sowie für Winterreifen für Pkw unerlässlich.

Die Investition betrug nach Unternehmensangaben 35 Millionen Euro, das Land steuerte 11,6 Millionen bei. Mittelfristig sollen auf dem 30 000 Quadratmeter großen Areal 20 Jobs entstehen. «Als erster Reifenhersteller weltweit investieren wir einen derart signifikanten Betrag in die Industrialisierung des Löwenzahnkautschuks», sagt Continental-Vorstandsmitglied Nikolai Setzer zur Eröffnung. Das Unternehmen sehe Russischen Löwenzahn als Alternative und Ergänzung zu dem Rohstoff aus dem Kautschukbaum (Hevea brasiliensis), um den global steigenden Bedarf umweltverträglich und verlässlich zu decken.

Bei positiven Versuchsergebnissen will Continental den Rohstoff binnen zehn Jahren in der Serienproduktion einsetzen. Das erste Muster eines Winterreifens mit einem Laufstreifen aus reinem Löwenzahnkautschuk kam laut Continental schon 2014 auf die Straße. 2016 folgte der erste Lkw-Reifen mit einem Laufstreifen aus sogenanntem Taraxagum-Kautschuk.

An dem Projekt haben Wissenschaftler der Universität Münster und des Fraunhofer-Instituts für Molekularbiologie und Angewandte Oekologie IME, das Julius-Kühn-Institut Quedlinburg und Continental sowie Pflanzenzüchter jahrelang gearbeitet. Als Rohstoff dient Russischer Löwenzahn, der kleiner ist, aber einen viel höheren Kautschukgehalt besitzt als die einheimische Pflanze, wie Prüfer erläutert. Die Wurzel bestehe zu etwa 15 Prozent aus Kautschuk. «Schon bei den ersten Experimenten zeigte sich, dass der Kautschuk so gut ist wie vom Kautschukbaum», sagt der Wissenschaftler. Inzwischen sei der Löwenzahn züchterisch so optimiert worden, dass der Gehalt an Inhaltsstoffen stabil ist.

Bei der Standortwahl für das Versuchslabor, das «Taraxagum Lab» nach dem lateinischen Namen Taraxacum für Löwenzahn, half der Zufall mit. Prüfer stellte die Idee 2013 in Anklam auf Biotechnologietagen vor und stieß in der Stadt auf Interesse. Alles weitere ergab sich: Geeignete Böden und große Flächen in der Umgebung, Landwirte, die zum Anbau des «Unkrauts» bereit waren, sowie Erfahrungen in der Stadt mit der Verarbeitung von Wurzeln - von Zuckerrüben. In Anklam produziert die einzige Zuckerfabrik Mecklenburg-Vorpommerns.

2017 bauten Landwirte von vier Unternehmen rund um das nahe gelegene Ducherow erstmals in größerem Umfang Löwenzahn an, auf etwa 30 Hektar. Anfang der Woche erntete die Ducherower Agrar GmbH ihre 12 Hektar große Fläche ab, wie ein Mitarbeiter sagt. Das Blattgrün bleibe auf dem Acker, die Wurzeln würden nach Anklam gebracht. Sorgen, dass der Löwenzahn sich in der Region jetzt überall verbreitet, gebe es in der Bevölkerung nicht. Der Russische Löwenzahn wildert nicht aus, wie Prüfer versichert.

Ziel seien größere Wurzeln und ein Ertrag von einer Tonne Kautschuk pro Hektar. Das entspräche dem Ertrag auf Kautschukplantagen, vergleicht Prüfer. Geerntet werden die Wurzeln vorläufig mit einer Möhrenerntemaschine. «Es muss aber eine spezielle Erntemaschine gebaut werden», sagt er.

Im Labor werden die Wurzeln in Mühlen mit Wasser zerquetscht, wobei der Kautschuk ausgewaschen wird, ohne dass giftige Lösungsmittel nötig seien. Die Rückstände können in die Biogasanlage gehen oder zu Bioethanol verarbeitet werden. Auch das ist Prüfer zufolge ähnlich wie bei der Zuckerrübenverarbeitung.


Das könnte Sie auch interessieren
Sehuencas-Wasserfrosch Romeo in seinem Aquarium. Foto: Alarcon/Grunbaum/museodorbigny

:Der wohl einsamste Frosch der Welt bekommt ein Date

Cochabamba (dpa) Zehn Jahre lang lebte der Sehuencas-Wasserfrosch Romeo alleine in einem Aquarium in einem Naturkundemuseum in Bolivien. Er galt als einer der letzten seiner Art. mehr...

Der teilweise vom Erdschatten verdunkelte Vollmond leuchtet während einer Mondfinsternis rot bis orange. Foto: Silas Stein/Archiv

:Totale Mondfinsternis: Roter Mond für Frühaufsteher

Berlin (dpa) Frühaufsteher können Montagmorgen ein ganz besonderes Schauspiel am Himmel beobachten: einen sogenannten Blutmond. Was passiert und welche Regionen haben die besten Wetterbedingungen? mehr...

Die Zahl der Arztbesuche stieg demnach um 13 Prozent. Besonders betroffen sind laut der Studie Frauen und Eltern von kleinen Kindern. Foto: Marcel Kusch

:Eltern leiden besonders unter längeren Arbeitszeiten

Halle/Erlangen (dpa) Gefährdet die Verlängerung der Arbeitszeit um eine Stunde pro Woche die Gesundheit? Vor allem Eltern und Frauen gehen dann häufiger zum Arzt. mehr...

Atomgetriebene Mikrobatterien eignen sich dort, wo winzige Energiequellen über lange Zeit wartungsfrei funktionieren müssen. Foto: Jens Büttner

:Atombatterie im Herz?

Moskau (dpa) Nukleare Minibatterien sind in der Technik vielseitig einsetzbar. Doch Wissenschaftler erwägen, die strahlenden Energiequellen auch im menschlichen Körper zu verwenden. mehr...

Eine künstlerische Darstellung zeigt die Röhre der neuen Anlage, die in einem 100 Kilometer langen ringförmigen Tunnel teils unter dem Genfer See verlaufen soll. Foto: Cern

:Cern-Physiker planen gigantischen Teilchenbeschleuniger

Genf (dpa) Es ist schon die größte Forschungsmaschine der Welt: der Teilchenbeschleuniger beim Cern in Genf. Jetzt planen die Physiker etwas noch Gigantischeres. mehr...

Mediathek

Dreischers Wetter: Knackig kalt und trocken

Anzeige
Service
anhören

V-Tipps:Wohin am Wochenende?

Wrestling trifft auf Rockmusik, Tea Time auf Mystery und Oma Doris trifft auf knallharten Rap. Die Veranstaltungstipps für's Wochenende. mehr...

Foto: Christian Charisius/Symbolbildanhören

Neu im Kino:Eine gemischte Tüte

Multiple Persönlichkeiten zwischen Realität und Wahnsinn, romantische Pferde-Ferien und eine Doku über Donald Trump. Die Neustarts dieser Kinowoche sind ziemlich bunt. mehr...

anhören

Urlaubsträume:Traumziele und Tipps für 2019

Was gibt es besseres für einen kalten Januartag, als sich in sonnige Gefilde und an traumhafte Strände zu begeben - zumindest in Gedanken. Wir verreisen mit Ihnen zu den Zeilen, die in diesem Jahr ganz oben auf der Liste stehen. mehr...

Tickets
Facebook