Freitag, 18. Januar 2019
11. Januar 2019 um 10:30 Uhr von Von Simon Kremer, dpa

Kultur : Saudische Künstler schaffen sich Freiraum

Riad (dpa) Das ultra-konservative Saudi-Arabien ist nicht gerade für seine Kunstszene bekannt. Die Förderung von Kunst und Unterhaltung mit Millionensummen gehört aber zur Vision des jungen Kronprinzen. Für Künstler stellt sich die Frage: Auf wessen Seite stehe ich?
Abdulnasser Gharem, der als einer der bedeutendsten zeitgenössischen Künstler Saudi-Arabiens und der Golfregion gilt, in seinem Studio. Foto: Simon Kremer

Abdulnasser Gharem, der als einer der bedeutendsten zeitgenössischen Künstler Saudi-Arabiens und der Golfregion gilt, in seinem Studio. Foto: Simon Kremer

Über die Mauer fällt neongrünes und rosafarbenes Licht auf die dunkle Seitenstraße. Eine Metalltür versperrt den Weg in den erleuchteten Innenhof, der mit seinen Skulpturen und Installationen andeutet, dass es sich nicht um ein normales Wohnhaus in der saudischen Hauptstadt Riad handelt.

Mittendrin eine aus Draht gebaute Moschee, die ihr Neonlicht über die Grundstücksmauer nach draußen wirft. Klingelschild und Hausnummer gibt es nicht.

Mit kurzer Schlabberhose, nackten Füßen und dunklen Augenringen sitzt der Mann, dessen Kunstwerke für Hunderttausende Dollar ersteigert werden, inmitten eines wohl geordneten Chaos. Bücherregale, die bis an die Decke vollgestopft sind, stehen an den Wänden. Zeichnungen und Fotos von Projekten hängen dazwischen. «Dies ist ein Ort zum Denken», sagt Abdulnasser Gharem. «Wir produzieren und zeigen unsere Kunstwerke im Ausland. Aber frei denken können wir hier.»

Gharem gilt als einer der bedeutendsten zeitgenössischen Künstler Saudi-Arabiens und der Golfregion. 2011 wurde eines seiner Werke in Dubai bei einer Auktion von Christie's für 842.000 US-Dollar ersteigert und machte ihn berühmt. Das Geld, sagt Gharem, habe er für die Ausbildung junger saudischer Künstler verwendet. «Es gibt hier keine richtige Kunstausbildung», sagt er und zeigt auf die Bücher in den Regalen. «Diese ganzen Bücher findet man hier in Saudi-Arabien nicht. Wenn man hier in eine Bibliothek geht, dann gibt es da nur religiöse Literatur.» Immer wieder kommt Gharem auf die Philosophen Jürgen Habermas und Baruch de Spinoza (1632-1677) zu sprechen.

Hinter Gharem lehnt ein großformatiges Bild an der Wand. Ein Kampfjet, eingebettet in arabisch-florale Ornamente. Die Leinwände macht Gharem, der fast 25 Jahre als Offizier in der saudischen Armee gedient hat, aus Stempeln - Kontrollinstrumenten der Macht und der Bürokratie, wie er sie nennt. Die einzelnen Buchstaben Tausender Stempel-Textplatten zerschneidet Gharem und setzt sie zu teils metergroßen Leinwänden neu zusammen, die er dann bedruckt. Auf den zweiten Blick verstecken sich so auch Botschaften hinter den Bildern.

Vor fünf Jahren hat der 45-Jährige sein «Gharem Studio» gegründet - ein niedriges Haus mit Innenhof und mehreren Arbeitsräumen. Er wollte einen Ort für junge Künstler schaffen, die Ideen haben, aber keine Möglichkeiten und keine Infrastruktur, diese umzusetzen. An einem Tag kommen die Musiker, an einem anderen die Modedesigner.

Saudi-Arabien befindet sich im Umbruch. Im Zuge seiner ambitionierten «Vision 2030» will der junge Kronprinz Mohammed bin Salman sowohl die Wirtschaft als auch die Gesellschaft des Landes umbauen. Es geht nicht nur darum, das ultra-konservative Königreich unabhängiger vom Öl zu machen, sondern es auch mehr und mehr zu öffnen. Denn der gesellschaftliche Druck ist groß. Knapp 70 Prozent der Bevölkerung sind jünger als 35 Jahre.

Die junge Generation wuchs in der Heimat ohne öffentliche Kinos auf. Erst im vergangenen Jahr wurden Kinos wieder erlaubt. Das Königshaus will den Jungen etwas bieten und kündigte für die kommenden Jahre an, 64 Milliarden US-Dollar in Kunst und Unterhaltung stecken zu wollen.

Ein von der «Misk»-Stiftung des Kronprinzen neu gegründetes Kunstinstitut will jungen Künstlern dabei eine Plattform bieten und sie mit Stipendien, Ausbildung und Hunderten Programmen unterstützen. Denn bislang hat sich nur in der offeneren Stadt Dschidda am Roten Meer oder in kleinen Kollektiven wie denen von Abdulasser Gharem eine kleine Kunstszene etabliert.

Auch auf Gharem kam die Regierung zu und wollte ihn in die Entwicklung der Kunstszene in Saudi-Arabien einbinden. Er lehnte ab. «Ich bin kein Provokateur», sagt er. «Aber ich will unabhängig bleiben.» Trotzdem meint Gharem, dass das königliche Kunstinstitut gerade für junge Künstler eine gute Möglichkeit sein kann.

Gharem wägt seine Gedanken und Meinungen sorgfältig ab. Auch an der Vision des Kronprinzen erkennt er viele positive Aspekte. Er könne verstehen, weshalb vor allem die jungen Leute im Land so hinter dem Monarchen stünden, der nach dem Mord am regierungskritischen saudischen Journalisten Jamal Khashoggi international stark in die Kritik geraten ist. «Aber was mich stört, ist dieser aufkommende Nationalismus.» Je mehr Kritik von Außen käme, desto stärker schlössen sich innen die Reihen.

«Jetzt gerade ist die Zeit der Helden», sagt Shaweesh, der im Raum nebenan vor dem Computer sitzt und nach Inspiration sucht. Aus den Boxen kommt melodiöser amerikanischer Hip-Hop. Shaweesh ist einer der elf Dauerkünstler in den Gharem Studios. Mit vollem Bart und einem hochgesteckten Männerdutt sieht der 28-jährige Künstler aus wie ein Berliner Hipster.

Wie von einem Mentor hat Shaweesh das Kunstverständnis von Abdulnasser Gharem verinnerlicht: «Ein Künstler, der schockiert und dann im Gefängnis sitzt, der will ein Held sein», sagt er. «Und dann? Du musst Dich entscheiden in diesen Tagen, ob Du ein Held sein willst oder langfristigen Einfluss haben willst.»

Gharem hat sich entschieden: Mit seinem Künstlerstudio und der Kunstausbildung will er langfristigen Einfluss auf die Gestaltung der saudischen Gesellschaft nehmen. Vor allem will er eine Alternative zu radikalen und konservativen Ideen anbieten. Er will, dass die Menschen selbst anfangen zu denken.

«Ich war mit zwei 9/11-Attentätern von New York zusammen auf der Schule», erzählt er. «Wir kamen alle aus dem gleichen Umfeld und Du fragst Dich dann, wieso manche Leben so anders verlaufen.»

Gharem denkt an seine eigene Schulzeit zurück: «Die Konservativen hatten wir als Lehrer in den Schulen. Die wollten dich kontrollieren und dir ihre Ideen einimpfen.» Die junge Generation habe inzwischen ganz andere Möglichkeiten - sie brauche nur einen Ort, wo die Ideen frei fliegen könnten.


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