Freitag, 18. Januar 2019
09. Dezember 2018 um 10:20 Uhr von Von Heinz Büse und Ulli Brünger, dpa

BVB auf Titelkurs: Sancho denkt an Oma

Gelsenkirchen (dpa) Der Dortmunder Höhenflug hält an. Auch im ungewöhnlich unspektakulären Revierderby auf Schalke blieb der Tabellenführer ungeschlagen und gewann zum wiederholten Mal ein enges Spiel. Doch die Freude beim Siegtorschützen war getrübt.
Jadon Sancho feiert seinen Siegtreffer auf Schalke. Foto: Ina Fassbender

Jadon Sancho feiert seinen Siegtreffer auf Schalke. Foto: Ina Fassbender

Nach überschwänglichem Jubel war Matchwinner Jadon Sancho nicht zumute.

Anders als die Dortmunder Fans, die seinen Siegtreffer zum prestigeträchtigen 2:1 (1:0)-Erfolg beim FC Schalke 04 leidenschaftlich feierten, hielt sich der erst 18 Jahre alte Engländer merklich zurück und deutete mit beiden Händen kurz Richtung Himmel. «Dieses Tor widme ich meiner Großmutter, sie ist kürzlich gestorben», kommentierte Sancho seine eher stille Reaktion nach dem bisher wohl wichtigsten Tor seiner noch jungen Karriere. «Ich werde sie immer lieben, und ich weiß, dass sie mit einem Lachen auf mich blicken wird.»

Obwohl das Dortmunder Sturmjuwel in den vergangenen Tagen wegen des Trauerfalls nach London gereist war und deshalb Trainingseinheiten verpasst hatte, bescherte er seinem Team den ersten Sieg beim Erzrivalen seit fünf Jahren. Das nötigte Lucien Favre großen Respekt ab. «Für ihn war es eine spezielle Woche. Aber er wollte unbedingt spielen und hat ein Super-Tor gemacht», lobte der BVB-Coach. Auch Sportdirektor Michael Zorc war beeindruckt: «Man kann nur den Hut ziehen. Das war eine Ausnahmeleistung.»

Dank Sanchos Treffer in der 74. Minute kam die Borussia der Herbstmeisterschaft in einem diesmal unspektakulären Derby einen großen Schritt näher. Zum wiederholten Mal trat der seit 14 Ligaspielen ungeschlagene Tabellenführer den Beweis an, auch in engen Partien die Nerven zu bewahren. Unbeeindruckt vom zwischenzeitlichen Ausgleich durch Daniel Caligiuri (61./Foulelfmeter) schlug er eiskalt zurück. «Die Mentalität stimmt. Viele Fifty-fifty-Spiele haben wir in der vergangenen Saison noch verloren», sagte Torhüter Roman Bürki.

Das Warten der Verfolger auf eine Schwächeperiode der Dortmunder geht deshalb vorerst weiter. Nach Einschätzung von Kapitän Marco Reus wird der langersehnte Erfolg beim ungeliebten Nachbarn sogar für einen zusätzlichen Schub sorgen: «Darauf haben wir alle hingefiebert. Das gibt uns noch mal eine Menge Selbstvertrauen und viel Kraft.»

Von Spieltag zu Spieltag wird klarer, dass die Meisterschaft nur über die Dortmunder führt. Sie wirken geschlossen wie seit Jahren nicht. Thomas Delaney (7.) war wettbewerbsübergreifend der bereits 17. Torschütze. Weiteres Indiz für die BVB-Meisterreife ist die verbesserte Defensive, mit deren Hilfe auch Spiele gewonnen werden, wenn die Offensivabteilung mal nicht den Unterschied macht.

Gleichwohl meiden alle Beteiligten noch immer das M-Wort, legten aber ihre Zurückhaltung zumindest beim Thema Herbstmeisterschaft ab. «Wir versuchen alles, um oben zu bleiben, um dann mit gutem Gefühl in die Rückrunde zu starten», sagte Keeper Bürki.

Von solchen Aussichten können die Schalker derzeit nur träumen. Längst ist die Euphorie über den zweiten Rang in der vergangenen Saison verflogen. Der über weite Strecken harmlose Auftritt brachte dem Team sogar vereinzelt Pfiffe von den Fans ein. Dass Mittelfeldspieler Nabil Bentaleb bei seiner Auswechslung in der 55. Minute dem Trainer den Handschlag verweigerte, passte ins Bild.

Aus Sorge vor weiteren negativen Schlagzeilen reagierte Coach Domenico Tedesco diplomatisch: «Das ist okay. Keiner ist zufrieden, wenn er kurz nach der Halbzeit ausgewechselt wird. Nabil hatte sich vorher mehrfach an die Leiste gefasst. Wir hatten das Gefühl, dass er nicht mehr so fit ist.»

Das anhaltende Verletzungspech verstärkt die Sorge vor dem Absturz in die Gefahrenzone. In Mark Uth, Breel Embolo, Cedric Teuchert, Franco Di Santo und Steven Skrzybski fehlten gleich fünf Offensivkräfte. Zu allem Überfluss musste der bereits mit Achillessehnenbeschwerden in die Partie gegangenen Guido Burgstaller bereits nach 36 Minuten vom Feld.

Die Personalnot wollte Tedesco nach seiner ersten Derby-Niederlage aber nicht als Ausrede gelten lassen: «Natürlich ist es bitter ohne Stürmer. Uns fehlt einfach die Durchschlagskraft.» Gefrustet räumte er ein, dass 14 Zähler nach 14 Spielen eine magere Ausbeute sind: «Wir hätten gerne mehr Punkte. Aber wir müssen aus den Spielen lernen und weiterarbeiten.»


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