Anzeige
TV-Ausblick ARD - «Tatort: Frei wie ein Adler»
© Pascal Mora/ARD Degeto Film/Bild Kommunikation und Presse/dpa
Wo könnten sie hier auf der Landwiese einen nützlichen Hinweis finden? Die Kommissarinnen Tessa Ott (Carol Schuler, l.) und Isabelle Greandjean (Anna Pieri Zürcher).
Teilen: mail

Zürich-«Tatort»: Mordverdacht in einer Down-Syndrom-WG

Ein Tatort, der gängige Vorurteile infrage stellt: Es geht um Rockerverrat, Vaterliebe und die Frage, ob Menschen mit Down-Syndrom einen Mord begehen können.

Veröffentlicht:

Anzeige

Schweizer Sonntagskrimi

Anzeige

Zürich (dpa) - Die Besitzerin einer Reinigung wird in Zürich tot in ihrer Wohnung gefunden, erschlagen. Ihr Ex-Mann war gerade nach acht Jahren Knast entlassen worden. Aber auch ihr Mitarbeiter hatte Stunden vorher im Geschäft einen Wutausbruch gehabt und die Frau verletzt. Für einen Krimi ist der Schweizer «Tatort: Frei wie ein Adler» (6.11. Mediathek, 8.11. um 20.15 Uhr im Ersten) eher ungewöhnlich, erzählt er doch auch eine berührende Geschichte. Die Ermittlerinnen Isabelle Grandjean (Anna Pieri Zürcher) und Tessa Ott (Carol Schuler) müssen mit einer Reihe von Klischees und Tabus brechen. 

Zur Besetzung gehören fünf Schauspielerinnen und Schauspieler vom Theater Hora in Zürich, dessen Ensemble aus Menschen mit geistigen Behinderungen besteht. Sie spielen so überzeugend und brillant, dass auch beim Publikum so einige Überzeugungen und Vorurteile ins Wanken geraten dürften.

 Die WG von Menschen mit Down-Syndrom 

Jakob Göldi (Benjamin Raue) lebt mit dem Down-Syndrom. Er liebt seine Arbeit in der Reinigung und kann nicht akzeptieren, dass seine Chefin den Laden schließen und mit ihrer Tochter Nadja (Stella Alraun) wegziehen will. Es kommt zum Streit - wenige Stunden später ist die Ladenbesitzerin tot und Jakob gerät unter Mordverdacht. 

Grandjean will ihn in seiner WG für Menschen mit Behinderungen zur Rede stellen. Wie sie dort empfangen wird, berührt die Ermittlerin sichtlich: «Du siehst wirklich sehr nett aus», sagt ein Bewohner zu ihr. «Darf ich Dich knuddeln?» Grandjean ist unsicher, lässt sich dann aber doch umarmen.

Von so einem Schmusekurs kann beim Ex-Mann der erschlagenen Frau keine Rede sein. Simon Bärfuss (Ronald Zehrfeld), ein alter Rocker, neigt zur Gewalt, wie Ermittlerin Schuler gleich bei der ersten Begegnung am eigenen Leib erlebt. Er sorgt sich um die 14-jährige Tochter Nadja, die von ihm aber nichts wissen will. 

Die kriminelle Energie

Jakob Göldi kann es schwer aushalten, wenn Knatsch ist. Sein Rezept, um wieder Harmonie herzustellen: Eis essen gehen. Als er erfährt, dass seine Chefin tot ist, weint er und fragt Grandjean: «Gibt es im Himmel Eis?» Er ist aber keineswegs immer so treuherzig. Als Nadja plötzlich verschwindet und die Polizei sie sucht, lockt er die Ermittlerinnen geschickt auf eine falsche Fährte. 

Passt das zusammen: ein junger Mann mit Down-Syndrom und krimineller Energie? Kommissarin Grandjean kann das nicht glauben. Schauspielerin Zürcher, die Grandjean spielt, findet es spannend, wie die Figur Jakob dazu zwingt, gängige Klischees von Schutzbedürftigkeit zu hinterfragen.

«Dass er eines schweren Verbrechens verdächtigt wird, stellt zwangsläufig einige Vorurteile infrage, die wir gegenüber Menschen haben können, die wir spontan als besonders verletzlich wahrnehmen», sagt sie. 

Alibi und Sex

Raue, der Jakob spielt, sagt zufrieden: «Jacob wird von der Polizei genauso ernst genommen wie andere Verdächtige. Er kann freundlich sein, aber auch wütend werden und Fehler machen.»

Dass einer wie Jakob unter Mordverdacht stehen kann, ist nicht das Einzige, das an gängigen Vorstellungen vieler Zuschauer rütteln dürfte. Da ist in Jakobs WG noch Paula (Juliane Siebecke), die ihm ein Alibi für die Mordnacht gibt, obwohl sie weiß, dass er zeitweise nicht Zuhause war. Warum sie für ihn gelogen habe, fragt Jakob sie. «Ich will, dass Du mich liebt hast, und ich will Sex», antwortet Paula ihm selbstbewusst. 

Die harte Schale des Rockers bröckelt 

Zwischen dem gewaltbereiten Ex-Rocker Bärfuss und dem harmoniebedürftigen Jakob entwickeln sich in der Sorge um Nadja freundschaftliche Bande. Was die beiden verbindet, erklärt Schauspieler Zehrfeld, der Bärfuss spielt: «Beide werden sehr schnell auf etwas reduziert. Bei Simon ist es seine Vergangenheit als Rocker und Straftäter, bei Jakob ist es sein Down-Syndrom. Vielleicht erkennen die beiden genau das ineinander: dieses Gefühl, dass andere sich längst ein Urteil über einen gebildet haben.» 

Am Ende knackt Jakob sogar die harte Schale des Rockers, der nach anfänglichem Zögern eine freundschaftliche Umarmung nicht nur zulässt, sondern erwidert.

Wie seit dem Start des Zürcher Tatort-Teams 2020 ist auch der pfiffige Kriminaltechniker Noah Löwenherz (Aaron Arens) mit von der Partie. Durch seine Datenanalysen im Darknet, Auswertungen von Handydaten oder Überwachungsvideos liefert er oft entscheidende Hinweise. Dieses Mal bringt ein ominöser Müsli-Klau aus dem Büro-Kühlschrank Löwenherz auf eine Spurensuche, die dem Fall plötzlich eine neue Wendung gibt.

Der Schweizer Tatort im Vergleich zu anderen

Der Schweizer Tatort hat es oft schwer gehabt. Zum einen ist Zürich für einen Großteil des deutschen Publikums weit weg. Zum anderen waren die TV-Ermittlerinnen Zürcher und Schuler - anders als das Ermittlerduo in Wien, Harald Krassnitzer und Adele Neuhauser - eher unbekannt. 

Sie haben nicht den Witz des Münsteraner Duos Frank Thiel (Axel Prahl) und Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers) oder liebenswerte Marotten wie der Kölner Ermittler Freddy Schenk (Dietmar Bär) mit seinem Hang zu Oldtimern und extravaganten Anzügen. Mit ihren gesellschaftspolitischen Themen regen die Drehbuchschreiber beim Zürich-Tatort aber oft über das Kriminalgeschehen hinaus zum Nachdenken an, sei es früher schon einmal mit Pharmapfusch oder illegaler Migration, oder dieses Mal mit Inklusion.

Anzeige
© dpa-infocom, dpa:261103-930-935202/1
Anzeige
TV-Ausblick ARD - «Tatort: Frei wie ein Adler»
© Pascal Mora/ARD Degeto Film/Bild Kommunikation und Presse/dpa
Ist er schuldig?: Kommissarin Isabelle Grandjean (Anna Pieri Zürcher, l.) spricht mit Jacob Göldi (Benjamin Raue) und Betreuerin Martha (Vera Flück, r.).
Anzeige
Anzeige
Anzeige